Architekt Gerl Logo

"Rechnet sich das?"

Tja.
 
Kommt drauf an.
 
Schwierige Frage. Maßnahmen zur Energieeinsparung sind wirtschaftlich betrachtet ein heißes Eisen.
 
Wieso?
 
Damit sich etwas umgangssprachlich "rechnet", muß innerhalb einer bestimmten Zeit nach der Investition ein Gewinn "herausspringen".
 
"Der Gewinn ergibt sich als Differenz zwischen Ertrag und Aufwand (...)" (Wikipedia).
 
Die Rückübersetzung ins Umgangssprachliche: Ertrag ist das, was ´rauskommt. Aufwand ist das, was man ´reinsteckt.
 
Zunächst: Was steckt man rein?
Die Kosten der gesamten Baumaßnahme?. Sicherlich.
Die Kosten, die die zusätzlichen Dämmmaßnahmen verursachen? Bestimmt auch.
Die Kapitalkosten, die anfallen, wenn zur Durchführung der Maßnahme ein Kredit nötig wird? Kommt noch dazu.
Die Differenz zu Zinsgewinnen bei anderen Anlageformen? So weit rechnen nur wenige.
Die externen Kosten, die bei Produktion, Recycling oder Deponierung anfallen? So weit rechnet fast keiner.
Und ich bin sicher: Einem Wirtschaftswissenschaftler werden noch eine Reihe anderer Kosten einfallen...
 
Und dann: Was kommt ´raus?
Das, was man an Brennstoffkosten einspart (Was meine Nachbarn wohl blechen - hö hö!)?
Das, was man eh´ hätte erneuern müssen (der Putz hätte sowieso runtergemußt!)?
Die Subventionen, die man abgreifen kann (KfW etc.)?
Die Steuerersparnis beim Mietshaus (... bevor´s Papa Staat kricht, steck´ ich´s lieber in die Hütte!)?
Die Zinsdifferenz zum mageren Tagesgeldkonto ("unterm Strich zahl´ ich!")?
Der Komfortgewinn, weil am Fenster nicht mehr die kalte Zugluft den Rücken hinunterfällt?
Die schönere Optik (sauber, sauber!)?
Der Prestigegewinn (mein Auto, mein Boot, meine Dämmung)?
Das gute Gewissen (ich rette die Welt - mindestens)?
Die Wertsteigerung des Objektes (mein Sparschwein!)?
Der volkswirtschaftliche Gewinn (Arbeitsplätze, Umsatz, wirtschaftliche Entwicklung)?
Die größere Unabhängigkeit von Energieriesen ("... Dieses Gefühl, als ich meinen Gasvertrag gekündigt habe!")?
Es gibt viele Variablen....
 
Dazu kommen noch Unsicherheiten über die zukünftige Entwicklung:
- Wie werden sich Öl- (respektive Gas-, Pellet-, Strom-, Kohle- etc.) preise entwickeln?
- Was passiert mit den Zinsen?
- Wie steht´s mit Verschärfungen der Umweltstandards (Abgase, Stäube, Ruß)?
- Wie verändern sich die gesetzlichen Vorgaben (EnEV, EEWärmeG, SchornsteinfegerVO etc.)?
- Wie entwickelt sich die Bautechnik und - WICHTIG! - Baustoffpreise?

 
Wie schätzt man das alles ein - und wie setzt man seine persönlichen Prioritäten? Und wie kommt man zu einem guten "Bauchgefühl"?
 
"Aber Sie als Fachmann .......!!!"
 
OK. Ich als Fachmann....
Ich sehe den Kunden. Da steht er. In seinem fünfziger-Jahre-Häuschen, seiner Villa aus der Gründerzeit, seinem Wohnblock, den er geerbt hat oder oder oder.
Da steht er mit seiner persönlichen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Ideen. Und nachdem wir uns einige Zeit unterhalten haben und gemeinsam durchs Haus gelaufen sind, klärt sich relativ deutlich, in welche Richtung die Sanierungsmaßnahmen gehen könnten und was die eigentliche Motivation für die Bestandsaufnahme ist ("...und deswejen hätt´ ich gern die KfW-Zuschüsse" - "Meinem Nachbarn, dem hamse een Drittel der Heizung bezahlt!" - ".... Wärmepumpe taucht nischt! Ham ´wa im Betrieb jehabt - wa´ imma kaputt!" - "Gas? Det liecht fünf Kilometa da drübn!" - "Der Balkong hier, der kommt sowieso weg!").
 
Da steht er mit seinen Erwartungen.
 
Ich als Fachmann also sitze einige Stunden später an meinem Schreibtisch, greife zu meinem Energieberater-Fachprogramm (mit den schönen Tabellen, Säulen und Graphen) auf meinem Energieberater-Laptop und hacke kraft meiner Energieberater-Allwissenheit tapfer Zahl um Zahl in den Arbeitsspeicher.
Nach etlichen Stunden das Ergebnis: Beratungsbericht nach BAFA-Vorgaben mit Bestandsaufnahme, Sanierungsvorschlage, Variante 1 - 4, Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, Anhang. Rund achtzig Seiten.
Und nicht, daß wir uns falsch verstehen: Dieser Bericht birgt viele wichtige Erkenntnisse technischer Art.
 
Einige Tage später sehen wir uns wieder. Ich erläutere ca. ein bis anderthalb Stunden den Bericht, beantworte Fragen, gebe Hinweise ...
 
Und nicht selten kommt es vor, daß im Laufe des Gesprächs die Frage fällt:
 
"Rechnet sich das?"
 
Und dann bin ich bei den ganzen Variablen, die ich am Anfang dieses Textes aufgezählt habe und frage mich - und manchmal auch meinen Kunden:
 
"Muß es sich rechnen? Oder muß es nur bezahlbar sein?"
 
Bei keiner Investition im privaten Bereich wird so oft wie bei Energiesparmaßnahmen gefragt, ob es sich rechnet. Zum Vergleich und zum Nachdenken:  
 
Rechnet sich eine Einbauküche?
Rechnen sich Natursteinfliesen im Wohnzimmer?
Rechnet sich ein SUV?
Rechnet sich ein Fernseher?
 
Undsoweiter undsoweiter.
 
Diese Fragen stellen nur sehr wenige....
 


 
links zurück